Seit fast 30 Jahren restaurieren Mitglieder des Samedner Clubs 1889 historische Fahrzeuge der Rhätischen Bahn. Ehrenamtlich, mit viel handwerklichem Können und noch mehr Leidenschaft. Auslöser war die Rettungsaktion eines Bahnwagens, der verschrottet werden sollte. Heute zählt der Verein rund 720 Mitglieder.
Und so hat alles angefangen: Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Rhätischen Bahn (RhB) stellten engagierte Lokführer aus der Region im Jahr 1989 einen historischen Zug aus der Gründerzeit der RhB aus dem 19. Jahrhundert zusammen. Doch schon bald wollte die RhB einen den ältesten noch vorhandenen Wagen von 1889 verschrotten. Man fand ihn nicht mehr «modern» genug.
Ein paar Bahnbegeisterte, darunter der talentierte Fahrzeugrestaurator und ehemalige Lokführer Armin Brüngger aus Samedan (1952–2024) sowie der Samedner Zimmermann Theo Hirschi weigerten sich jedoch, dies zuzulassen. Sie gründeten daraufhin im Jahr 1996 in Samedan den Club 1889. So retteten sie den Bahnwagen, restaurierten ihn unentgeltlich und legten damit den Grundstein für Dutzende weitere historische Restaurierungsprojekte.
Der Name des Vereins ist also Programm: 1889 ist nicht nur das Gründungsjahr der Bündner Staatsbahn, sondern gleichzeitig das Baujahr jenes ersten Wagens der dritten Klasse, der alles ins Rollen brachte. Ja, bis 1956 gab es in der Schweiz noch drei Bahnklassen – in die erste stiegen Wohlhabende, in die zweite vorwiegend Beamte, mit der dritten Klasse musste das Volk vorliebnehmen.
Gefragt sind seltene Berufe und kreative Köpfe
Wer im Club 1889 als aktives Mitglied mitmachen möchte, sollte Zeit, handwerkliches Know-how und viel Geduld mitbringen. Und damit können die nur etwa 20 aktiven Mitglieder von insgesamt 720 Mitgliedern punkten. Sie haben in Eigenregie in den letzten fast 30 Jahren historische Lokomotiven und Wagen von Grund auf restauriert: vom Fahrgestell zum Wagenkasten über die Beleuchtung bis zur Innenausstattung. Sehr gefragt sind dafür Berufe wie Schlosser, Schreiner, Spengler, Elektriker und sogar Wagner – also Kutschenbauer, die mit gekrümmtem Holz und historischen Radkonstruktionen umgehen können oder diese herstellen können.
Das geleistete Arbeitspensum ist beachtlich: Jährlich erbringen die Freiwilligen des Clubs 1889 zwischen 4’000 und 5’000 ehrenamtliche Stunden. Bis ein Zugwagen wieder in Schuss gebracht ist, vergehen im Schnitt fünf Jahre, bei einer Lokomotive oft zehn oder noch mehr. «Wir leisten sehr viel für die Rhätische Bahn und den Kanton, und wir tun das gerne. Ob es den Verein weitergeben wird, wenn wir mal aufhören, ist unklar», sagt Gründungsmitglied Fredy Pfister.
Da es immer weniger Handwerker gibt, hat der Club 1889 anlässlich der Generalversammlung 2025 beschlossen, die hauptsächliche Vereinstätigkeit auf das Fundraising und Projektmangement zu verlagern. Das erfordert nun vermehrt kreative Köpfe, die auch mit Onlinemedien umzugehen wissen.
Neben den anspruchsvollen handwerklichen Arbeiten und dem Fundraising übernehmen die aktiven Mitglieder auch die gastronomische Verpflegung auf historischen Dampfzügen. Diese Einnahmen fliessen in den Verein bzw. in konkrete Restaurierungsprojekte und helfen, die immer stärker steigenden Kosten zu decken. Denn: «Wenn früher eine Wagenrestaurierung noch 60’000 Franken kostete, schlägt sie heute mit dem Zehnfachen zu Buche», sagt Vereinspräsident Pfister. «Aber wenn wir die staunenden und erfreuten Gesichter in den historischen Dampfzügen im Engadin sehen, lohnt sich der Aufwand immer noch», sagt er.
Fahrzeuge, die Geschichte schreiben
Für Fredy Pfister sind zwei Lokomotiven und ein Wagen jene Restaurierungsprojekte, welche ihm in der 30-jährigen Vereinstätigkeit besonders in Erinnerung geblieben sind. Wobei ihm die Wahl schwer falle, da jedes der historischen Fahrzeuge eine spannende Geschichte zu erzählen habe.
Zuerst die Dampflok Nr.11 «Heidi» von 1903. Sie gilt als eine der modernsten Dampfloks der Schweiz, weil sie heute nicht mehr mit Kohle, sondern mit umweltfreundlichem Leichtöl betrieben wird. Ein echtes Prunkstück und Erbe des Gründungspräsidenten Armin Brüngger sowie des talentierten Mechanikers Emil Stapfer aus Schmitten. «Heidi» fasziniert vor allem Kinder und Jugendliche, weil sie so klein, handlich und elegant wirkt.

Foto: Lok 11 – die wunderschöne «Heidi» hatte 1952 sogar einen kurzen Auftritt im gleichnamigen Film Heidi mit Heinrich Gretler. Ganze 11’600 Arbeitsstunden und Material für fast 1,3 Mio. Franken sind in ihre Restauration geflossen.
Fredy Pfisters zweites Highlight ist die Lok 182 der ehemaligen Bernina-Bahn. Das sogenannte «Bernina-Krokodil» wurde in einer geradezu krimireifen Rettungsaktion schrottreif aus Frankreich zurückgeholt. Sie befand sich in der Konkursmasse eines privaten Besitzers, der um den Preis pokern wollte. Heute fährt das Krokodil wieder aus eigener Kraft, vollständig restauriert. Eine eigentliche Projektleitung gab es nicht – dafür aber tatkräftige Männer, die sich gegenseitig vertrauten und mit Irrungen, Wendungen und auch etwas Glück das «Bernina-Krokodil» erfolgreich retten konnten.
Video mit Gänsehautmoment: Das Bernina-Krokodil fährt nach über 10 Jahren harter Arbeit des Club 1889 und vielen Hürden aus eigener Kraft im Bahnhof Poschiavo ein. Weitere Details mit Fotos und mehr Videos rund um die aufregende Rettungsaktion des Bernina-Krokodils findet ihr hier: https://www.berninabahn.ch/rollmaterial-berninabahn/ge-4-4-82-bernina-krokodil/
Auch das erste Restaurierungsprojekt des C. 32. von 1889 ist für den Präsidenten besonders erwähnenswert. Vor dem Start der Arbeiten im RhB-Depot von Samedan 1996 erklärte ein Vertreter der Direktion der RhB, dass man das Engagement Freiwilliger zwar begrüsse, wenn es um die Restaurierung historischer Fahrzeuge gehe. «Wenn dieses Projekt aber scheitert», hiess es, «ist das Thema historische Fahrzeuge für die RhB vom Tisch». Dieser in einem Protokoll verbriefte Satz spornte die Clubmitglieder erst recht an, und das Projekt fand einen glücklichen Abschluss. Der ehemalige Drittklasswagen wurde auf den Namen «Il Samedrin» getauft. Für den Club steht er symbolisch für die Wiege der Bündner Bahnkultur, zu der Samedan einen entscheidenden Teil beiträgt.
Lok Nr. 1 mit eigener Operette
Im September 2026 wird ein weiteres Meilensteinprojekt fertig sein. Die Dampflok Nr. 1 «RHÆTIA», die allererste Lokomotive der Bahn, Baujahr 1889. Elf Jahre lang haben die Mitglieder des Clubs 1889, Handwerker der RhB in Landquart und sogar eine englische Museumseisenbahn an ihr gearbeitet. Mit der Nr. 1 erhält die RhB einen fahr- und erlebbaren originalen Zug aus den frühesten Anfängen zurück. In der Schweiz einzigartig.
Für die feierliche Einweihung haben sich der Präsident des Clubs 1889 und der Präsident des Vereins Drehorgelfestival aus La Punt-Chamues-ch, Max Kessler, zusammengetan und mit Musikern und dem Samedner Schauspieler Lorenzo Polin eine Operette eigens für diese Anlass geschaffen. Die «Operette am Gleis» und die Einweihung der Lok Nr. 1 finden am 19./20. September im Schiers statt.
Und der nächste Wagen wartet schon
Doch kaum geht eines zu Ende, klopft schon das nächste grosse Vorhaben an die Tür. Ein luxuriöser Erstklasswagen von 1889, mit dem einst Lungenkranke von Landquart nach Davos transportiert wurden. Er soll dem sogenannten «Gründerzug eine Krone aufsetzen», wie Fredy Pfister sagt, und ein weiteres schweizweites Unikat werden.
Die Arche Brasser
Jahrzehntelang – ab 1996 – standen die vom Club 1889 restaurierten Fahrzeuge der Witterung ausgesetzt im Freien im Bahnhofsareal von Samedan. Sie nahmen dadurch Schaden. Deshalb nahm Armin Brüngger mit dem Pontresiner Architekten Romano Brasser Kontakt auf. Romano Brasser erstellte daraufhin erste Pläne für eine Einstellhalle für die historischen Wagenjuwelen.
Dank der Finanzierung durch den Club 1889, im Speziellen mit Unterstützung der Stiftung von Doris und Calvin Baeder aus St. Moritz gelang es in Zusammenarbeit mit der RhB und dem Know-how der Firma A. Freund Holzbau aus Samedan, ein markantes Gebäude aus Förenholz beim Eingang in den Bahnhof Samedan zu errichten. Die Architektur war so überzeugend, dass danach auch andere Fahrzeug-Einstellhallen in Graubünden und in der Schweiz gebaut wurden.
720 Bahnbegeisterte machen es möglich
Auch wenn nur rund 20 Mitglieder in der Restauration aktiv tätig sind, die restlichen 700 Bahnliebhaber unterstützen den Verein mit ihrem Jahresbeitrag. «Und dafür sind wir sehr dankbar, denn sie ermöglichen uns diese Arbeit», sagt Fredy Pfister. Einmal jedes Jahr treffen sich die Mitglieder beim grossen Vereinsausflug zur Generalversammlung, immer an einem anderen Ort im Kanton Graubünden. Aber stets mit einer An- und Abreise in historischen Loks und Wagen und mit rund 150 begeisterten Teilnehmenden.
Fredy Pfister, der hauptberuflich als Geologe in einer Baufirma tätig ist, investiert täglich zwei bis drei Stunden in den Club. Was ihn antreibt? Früher war es die Faszination für die Bahn. «Heute», sagt er, «sind es vor allem die Menschen, die begeistert und uneigennützig mitarbeiten, aus purer Lust. Das macht mir mittlerweile fast noch mehr Freude als historisches Eisen und Holz.»
Auf der Vereinswebsite sind alle restaurierten Fahrzeuge mit Informationen zu Restaurierungsaufwand und ihrer Geschichte dokumentiert. Ihr findet Vorher-und-Nachher-Fotos und teils Videos der wunderschönen, historischen Bahnwagen und Loks. Ein Besuch lohnt sich sehr, für Jung und Alt.
🌐 Website: www.club1889.ch
🌐 Nostalgische Fahrten in der Schweiz: www.bahnoldtimer.com
Die Bündner Bahnkultur
Seit 2019 hat die RhB gemeinsam mit dem Kanton Graubünden eine Strategie erarbeitet, die historische Fahrten – und damit verbunden auch die Restaurierung historischer RhB-Fahrzeuge – in Graubünden im Sinne eines nachhaltigen Tourismus und als weltweites Unikat stärken will. Dabei sollen im Rahmen einer «Bünder Bahnkultur» auch der Club 1889 als wichtigster Handlanger, wenn es um das rollende RhB-Erbe geht, mit eingebunden werden. Es waren auch Clubmitglieder, die 2017 erreichten, dass die Bündner Bahnkultur gesetzlich verankert unterstützt wird – per Grossratsbeschluss wurde das Gesetz über den öffentlichen Verkehr im Kanton Graubünden dafür extra angepasst. Ein schweizweites Novum.
Zahlen und Fakten zum Club 1889
- Gegründet: 1996 in Samedan
- Mitglieder: 720 (davon ca. 20 aktiv), aus der Schweiz, Europa und Übersee
- Ehrenamtliche Stunden pro Jahr: 4’000–5’000
- Restaurierte/finanzierte Fahrzeuge: 3 Loks und 15 Wagen (1889–1927)
- Restaurierungsdauer: ca. 5 Jahre (Wagen), ca. 10 Jahre (Lokomotive)
- Modell: Private Public Partnership mit der Rhätischen Bahn
- Finanzierung: Mitgliederbeiträge, Gastronomieeinnahmen in historischen Zügen, eigenes Fundraising, Unterstützung durch Kanton Graubünden
- Jugendgruppe: «Bündner Kulturbahnjugend», ca. 25 Mitglieder







