Porträt Stories

Portrait mit Alphornspieler Hansruedi Strahm

Wenn der Naturton ruft

Hansruedi Strahm tritt mit dem Alphorn auf, hat selbst eines gebaut und komponiert sogar Stücke dafür. Und doch hat er keine Scheu, den Mythos von der “urschweizerischen” Tradition zu hinterfragen. Ein Portrait.

Wer Hansruedi Strahm nach seinem Beruf fragt, bekommt keine einfache Antwort. Schriftsetzer hat er gelernt. Korrektor war er, Absolvent der Technikerschule in der Druckindustrie, Verlagsleiter bei der Engadin Press. Und doch liegen auf dem Tisch vor ihm drei Alphörner, Stapel selbst geschriebener Notenhefte und mehrere Märchenbücher, von denen eines im November uraufgeführt wird. Künstler? Er winkt etwas verlegen ab. «Nicht wenige Musiker brauchen eine Frau, die ihren Traum finanziell unterstützen muss», sagt der Samedner, dessen Berner Wurzeln auch nach 45 Jahren im Engadin nicht zu überhören sind.

Seine Frau, so viel sei verraten, finanziert ihn nicht. Sie toleriert seine Leidenschaft. Denn ohne diese «kreativen Rappel» kenne sie ihren Mann nicht.

«Wenn mich etwas packt, bin ich nicht zu bremsen»

Die Liebe zum Alphorn begann, wie so vieles bei Hansruedi Strahm, mit einer Begeisterung, die ihn Tag und Nacht verfolgte. In einen Singkurs – er hatte im cor mixt Samedan und im Kammerchor St. Moritz gesungen und den cor rezia in Chur dirigiert – brachte jemand ein Alphorn mit. Die Töne, die dieses Instrument hervorbrachte, hätten fast archaisch in seinen Ohren und zugleich unvergesslich geklungen. Der nächste Schritt folgte, wie immer, wenn Hansruedi Strahm etwas packt, schnell: Er wollte nicht nur das Alphorn spielen lernen, er wollte es entschlüsseln und erstmal selbst eins bauen. Das war 2008.

Faszination Naturtöne

«Die Naturtöne faszinieren mich bis heute am Alphorn am meisten, auch nach fast zwei Jahrzehnten noch», sagt der 80-Jährige. «Nicht das Instrument an sich, nicht die Show, nicht die Aufmerksamkeit, die man schlagartig bekommt, sobald man ein Alphorn
vor Publikum auspackt. Sondern die Töne.» Diese scheinbar einfachen Obertöne, die aus einem 3,60 Meter langen Holzrohr kommen, könne man zwar physikalisch definieren, doch sie würden sich für ihn dennoch auf unerklärliche Weise im Gebirge ausweiten.

Hansruedi Strahm auf seiner schönsten Bühne, wo die Alphorntöne erst richtig zur Geltung kommen: in den Bergen.

Was das Alphorn wirklich ist

Das Alphorn ist ein konisches Rohr ohne Klappen oder Ventile. Es erklingt mit dem Einblasen von Luft, die mit Hilfe des Zwerchfells auf Strömungsgeschwindigkeit gebracht wird und die Lippen zum Vibrieren bringt. Eine Trompete werde mit exakt derselben Technik gespielt. Je länger das Rohr, desto tiefer die Tonart. Was das Alphorn so einzigartig und gleichzeitig so eigenartig in der Musikwelt macht, ist die sogenannte Naturtonleiter. Man kann auf dem Instrument keine vollständige Tonleiter spielen. Jedoch existiert ein Ton mit Namen «Alphorn-Fa», der zwischen einem Fis und einem G schwebt und selbst grosse Komponisten wie Brahms inspiriert hat.

Signalinstrument der Hirten – und wer hat’s erfunden?

Ursprünglich war das Alphorn ein Signalinstrument. Sennen kommunizierten von Alp zu Alp. «Muss ins Tal. Ein Rind ist abgestürzt. Kannst du helfen?» Kodierte Töne statt Worte, über Täler hinweg. Und selbst die Tiere reagieren drauf. Hansruedi Strahm erzählt von einem Alphorn-Auftritt auf einer Wiese bei Frauenfeld. Die Rinder kamen von Weitem angerannt, dicht heran, steckten neugierig die Köpfe fast in die Becher hinein. «Wenn dir sonst keiner mehr zuhört, die Rinder hören dir immer zu», sagt
er lachend und meint das ernst.

Den Mythos des «urschweizerischen» Instruments lässt er aber nicht einfach stehen. Belegt sei die erste Erwähnung in der Schweiz im 16. Jahrhundert. Doch auch in Tirol, in Bayern, in Österreich wird das Alphorn als Traditionsinstrument gespielt. Tibetische Mönche bespielen bis zu sechs Meter lange Ritual-Instrumente, die dem Alphorn sehr ähneln, und australische Aborigines spielen das Didgeridoo.

Hier könnt ihr in verschiedene Kompositionen von Hansruedi Strahm reinhören:

I look for you – Partitur

Okavango – Partitur

Mars – Alphorn & Klavier

Venus – Alphorn & Klavier

Also, wer hat’s erfunden, Herr Strahm?
«Sagen wir mal so: die Schweiz hat geholfen, es zu erfinden.»


Was ihn stört, ist, dass das Alphorn heute vielfach zum Schaustück geworden sei, zu einer Art folkloristischer Bühnenshow. «Wenn ihr mit einem Alphorn aufkreuzt, seid ihr sofort ein Star. Doch mit dem Können hapert’s dann oft. Es geht mehr um Selbstdarstellung als um die Freude am einzigartigen Klang des Instruments.»

Ein Alphorn zu spielen, ist das schwierig? Hansruedi Strahm verneint. «Jeder kann es lernen, und wer ein Blasinstrument spielt, kennt die Technik sowieso.» Das Meistern höre jedoch nie auf. «Ich bin immer noch am Üben», sagt er bescheiden. Was sich aber mit den Jahren bei ihm verlagert habe, sei der kreative Schwerpunkt. Inzwischen hat er über 100 Alphornstücke selbst geschrieben, zusammengefasst in seiner Notenheft-Reihe «Keep calm and Alp horn». Den Schritt in Richtung «Alphorn und klassische Instrumente» verdanke er Stefano Sposetti, seinem Klavierlehrer in Samedan. Gemeinsam mit ihm entstand 2017 eine CD mit neun Stücken für Alphorn und Klavier mit dem Titel « Die Planeten». Die CD ist heute ausverkauft. Miriam Cipriani, Flötistin und Frau von Stefano Sposetti, brachte ihn auf die nächste Idee: «Schreib doch mal etwas für Kinder.» Das war 2019.

100 Stücke und ein Elefant aus dem Okavango-Delta

Hansruedi Strahm war gerade mit seiner Frau im Okavango-Delta in Botswana gewesen. Die Elefanten hatten ihn fasziniert und er spürte eine Verbindung zu Alphornklängen. Und da war er wieder, sein «kreativer Rappel». Er konnte nicht mehr schlafen, machte Notizen, schrieb und verwarf Melodien, kritzelte Ideen auf vielerlei Zettelchen. So
entstand das Musical «Okavango im Paradiesland», ein musikalisches Märchen für Kinderchor, Alphorn, Flöte, Klavier und Cello. Fünf Jahre lang schrieb er am zweiten Band, «Okavangos Fest». Der dritte Teil der Reihe «Circus Okavango» wird in diesem Jahr in St. Moritz uraufgeführt.

Hansruedis Strahms Frau lässt ihn all das machen, wohl weil sie weiss, dass seinem Herzen sonst etwas fehlen würde. «Sie sagte mal zu mir: Schreib’ dein Buch, dann essen wir eben nur noch Brot und Cervelats», erzählt er und lacht herzlich.

Uraufführung «Circus Okavango»: 13. November 2026, Hotel Reine Victoria. Engadiner Schulkinder singen und tanzen, Hansruedi Strahm spielt Alphorn, Stefano Sposetti Klavier, Miriam Cipriani Flöte, Matilde Tosetti Violine, Fabrizio Tognini Schlagzeug, Erzähler: Lorenzo Polin.