Wenn die innere Berufung nicht dem landläufigen Bild der Mehrheit entspricht, braucht es grossen Mut, trotz aller Widerstände seinen Weg zu verfolgen. Diesen nicht immer leichten Weg ist die einheimische Künstlerin Nora Engels gegangen.
Patricia Pütgens
Wer kennt nicht die einzigartigen Holzarbeiten, die Nora Engels in ihrem Atelier in Samedan erschafft. Einige davon kann man im Schaufenster ihrer Werkstatt bewundern. Aber wer ist der Mensch hinter diesen Kunstwerken?
Nora Engels wuchs bei ihren Eltern gemeinsam mit drei Brüdern in Bever auf. Die sportliche und naturverbundene Familie hatte immer viel gemeinsam unternommen – vom Wandern über Inlineskaten bis zum Fussball war alles dabei. So spielte Nora Engels in ihrer Jugend sieben Jahre im Fussball Club FC Lusitanos de Samedan und wechselte danach in den Hockeyclub SC Celerina, wo sie meist das einzige Mädchen war. Gemeinsam mit ihrer Mutter absolvierte sie das Brevet fürs Gleitschirmfliegen.
Musik und kritische Stimmen
Neben ihrer sportlichen Leidenschaft verspürte die 36-Jährige schon früh den Wunsch, sich musikalisch auszudrücken. Unbewusst spielte auch hier das Element Holz eine bedeutende Rolle, denn sie entschied sich als junges Mädchen, Violine zu spielen. Dieses Instrument gab ihr in herausfordernden Zeiten Kraft und Halt. Heute blickt sie mit Bedauern darauf zurück, dass sie sich von kritischen Stimmen beeinflussen liess, die meinten, Violine zu spielen, würde «quietschen». Dies führte dazu, dass sie es schliesslich aufgab. Später fand sie zum Alphorn, das zu spielen sie sich aber von niemandem mehr ausreden liess.
Talent zeigt sich früh
Nora Engels erkannte früh in ihrer Kindheit, dass in ihr ein künstlerisches und handwerkliches Talent schlummert. Ihre Stärken waren das Zeichnen und Werken. An ihre Schulzeit erinnert sie sich eher mit weniger grossem Enthusiasmus – die klassische Schulausbildung war für diese kreative und sensible Person nicht das Richtige.
Obwohl die Familie Engels eher bescheiden lebte, taten ihre Eltern alles, um ihre Tochter zu unterstützen, damit sie ihren eigenen Weg gehen konnte. Inspiriert von ihrem Vater, welcher in seiner Freizeit Skulpturen aus Holz fertigte, entschied sie sich für eine Lehre zur Möbelschreinerin. Diese konnte sie bei Ramon Zangger machen, den sie als Idol verehrte.
Durch ihren Lehrmeister Thomas Faller aus Samedan kam Nora Engels zum Langlaufen und machte auch gleich eine Ausbildung zur Langlauflehrerin. Die neue Herausforderung gab ihr die Möglichkeit beim Aufbau der Firma Bernina Sport massgeblich mitzuwirken. Aus dieser Zeit konnte sie viel für ihre weitere berufliche Laufbahn mitnehmen.
Die Arbeit mit Holz fehlt
Obwohl sie als Möbelschreinerin über viel handwerkliches Können verfügte, spürte sie zunehmend, dass ihr diese Tätigkeit nicht die kreative Freiheit bot, nach der sie sich sehnte. Die Routine und die festen Vorgaben im Schreinerberuf engten sie in ihrem künstlerischen Schaffen zu sehr ein. Deshalb entschloss sie sich, ihre Anstellung schrittweise zu reduzieren, um sich verstärkt ihrer eigentlichen Leidenschaft widmen zu können: dem Gestalten von Skulpturen.
Sie begann, ihre eigenen Skulpturen zu fertigen. Und an ihrer ersten Ausstellung im Rondo wurde Nora Engels klar: Das ist mein Lebensweg. So machte sie sich auf die Suche nach einer passenden Ausbildung. Fündig wurde sie in Brienz, an der Schule für Holzbildhauerei. Weil es ihr zweiter Bildungsweg war, übernahm der Kanton jedoch nicht die Kosten für das vierte Lehrjahr. Nach dem obligatorischen Schnitzen in der Schule schnitzte sie also jeden Abend an Aufträgen und finanzierte sich so den Rest ihrer Ausbildung selbst.
Nora Engels’ Ziel stand fest: ein eigenes Atelier zu gründen und mit ihren Arbeiten als Holzbildhauerin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der starke Wille, ihrer künstlerischen Berufung zu folgen, waren für sie die treibende Kraft auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Doch bis zur Verwirklichung ihres Traums war es noch ein weiter Weg.
Erneut kritische Stimmen
Neben Unterstützern und Befürwortern zweifelten auch diesmal viele an ihrem Vorhaben. Kunst sei doch das Erste, an dem gespart werden würde, hiess es rundherum. Erschwerend kam hinzu, dass der Beginn ihrer Selbständigkeit genau in die Zeit der Corona-Pandemie fiel. Die damit verbundenen Einschränkungen erschwerten den Aufbau ihrer künstlerischen Existenz erheblich.
Ein weiteres grosses Hindernis war die heikle Wohnungssituation im Engadin. Diese bekam sie zu spüren, als sie sich auf die Suche nach einem passenden Atelier machte. Für den Aufbau ihres eigenen Ateliers benötigtenen.
Da ihre Familie sie nicht mit grösseren Summen unterstützen konnte, stand Nora Engels nun vor der Herausforderung, die nötigen Mittel wiederum eigenständig aufbringen zu müssen. Während sie sich kleinere Maschinen selbst zu Geburtstagen geschenkt hatte und auch einzelne Werkzeuge von ihrem Vater bekam, reichte es für die Anschaffung der wirklich wichtigen stationären Maschinen bei weitem nicht aus.
Die rettende Idee
Um auch diese Hürde zu überwinden, entschied sie sich, ein Crowdfunding zu starten. Es gelang ihr damit, Menschen zu begeistern, die bereit waren, sie finanziell zu unterstützen. Das notwendige Startkapital war gesichert.
Kurze Zeit darauf erhielt sie die erfreuliche Nachricht von Urs Pfister, der ihr einen Raum in Samedan zur Verfügung stellte. Er wurde zu Noras geliebtem Atelier, in dem sie bis heute ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht und ihre Berufung lebt.
Auch heute gibt es noch Herausforderungen: Obwohl viele Menschen ihre Werke bewundern und von ihren Skulpturen begeistert sind, reagieren sie oft überrascht, sobald sie den Preis erfahren. In solchen Momenten wird ihr klar, dass nicht alle abschätzen können, welcher enorme Arbeitsaufwand, wie viel Zeit und Leidenschaft hinter jeder einzelnen Skulptur stecken. Für die junge Künstlerin bedeutet das, sich immer wieder zu erklären und für die Anerkennung ihres Schaffens einzusetzen.
Mittlerweile erhält sie ihre Aufträge von Privatpersonen, Unternehmen und auch von Gemeinden. Bei ihren freien Kreationen widmet sie sich mit Leidenschaft dem Schnitzen und Gestalten einzigartiger Möbelstücke. Diese bieten ihr die Möglichkeit, ihre Kreativität ohne Einschränkungen zum Ausdruck zu bringen.
Eines ihrer Herzensprojekte war der Bau eines Tiny Houses gemeinsam mit ihrer Mutter. Der winterfeste Schäferwagen wurde direkt vor Nora Engels’ Atelier aufgestellt. Mit viel Liebe zum Detail und handwerklichem Geschick verwandelten Mutter und Tochter Seite an Seite den Schäferwagen in ein einzigartiges, persönliches Zuhause.
Das Engadin spielt für die talentierte Künstlerin eine besondere Rolle: Es ist ihr persönlicher Kraftort. Gerade weil ihr Beruf oft mit grosser körperlicher Anstrengung verbunden ist und es Tage gibt, an denen ihr – wie wohl jedem Künstler – die nötige Energie oder die inspirierende Muse fehlt, ist es umso wichtiger, dass sie hier Kraft tanken kann.
Die grösste Herausforderung in ihrem Wirken ist die Zeit: Diese bewusst einzuteilen und vor allem zu wissen, wann es Zeit ist, aufzuhören, fällt ihr noch schwer. Nora Engels’ Arbeit endet nicht am Werkstück. Sie umfasst das Pflegen und Warten der Maschinen, das Entsorgen von Holzresten, das Bestellen oder Abholen von Holz. Dazu kommen Büroarbeiten, Gespräche mit Kundinnen und Kunden und die Vorbereitung von Ausstellungen.
Nora Engels sieht sich selbst nicht als etwas Besonderes, auch wenn ihre Begeisterung oft mitreissend wirkt. Jeder Mensch ist ihrer Meinung nach auf seine Weise besonders, und jede Person schafft Kunst – bewusst oder unbewusst – auf ihre eigene Art. Entscheidend sei nicht die Form, sondern die Freude, mit der etwas getan wird.
www.noraengels.ch








