Reportage Stories

Lawinensprengen in Samedan

Foto: Engadiner Post / Jon Duschletta

Wenn grosse Mengen Neuschnee fallen oder starker Wind Schnee verfrachtet, beginnt in Samedan ein exakt durchgetakteter Ablauf. Das Ziel: Lawinen gezielt und kontrolliert auszulösen, bevor sie zur Gefahr für Wanderwege, Strassen oder Siedlungsgebiete werden. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen einer Lawinensprengung.

Liwia Weible

Je nach Wetterlage entscheidet die Lawinenkommission, meist am Vorabend, ob es am Morgen nötig sein wird, Lawinen präventiv zu sprengen. Gino Paganini ist Wetterbeobachter und seit rund 30 Jahren auf dem Posten, neben Lorenzo Buzzetti, der seit 17 Jahren das Amt bekleidet. Die Aufgabe der beiden: Wetterentwicklung, Neuschneemengen und Wind laufend zu beurteilen, oft schon vor vor dem eigentlichen Schneefall, um frühzeitig Massnahmen einzuleiten. Ihre Arbeit für die Lawinenkommission erledigen sie jeweils neben ihren regulären Jobs.  Ein häufiges Beobachtungsgebiet ist der Piz Padella, weil dieser bei starkem Schneefall zum lawinengefährdeten Gebiet wird und oberhalb wichtiger Verbindungen liegt – vor allem über dem Wanderweg Richtung Cristolais oder der vielbefahrenen Strasse Richtung Celerina.

Sprengen oder nicht?
Zeichnet sich eine kritische Situation ab, muss die Lawinenkommission zügig handeln. In der Regel ist dies der Fall ab etwa 20 Zentimeter Neuschnee oder bei starkem Wind, wenn dieser Schnee vor sich hertreibt. Gino Paganini und Lorenzo Buzzetti entscheiden dann gemeinsam, ob gesprengt werden soll oder nicht und informieren die übrigen Mitglieder der Lawinenkommission.

Heli und Sprengstoff organisieren
Erteilt die Lawinenkommission das Go für eine Sprengung, gilt es, rechtzeitig den Heli zu reservieren. Idealerweise schon am Vorabend, sofern die Bedingungen dies zulassen, da sämtliche Helikopter nach Schneefall meistens sehr ausgelastet sind. Gesprengt wird aus Sicherheitsgründen fast immer am Morgen, idealerweise zwischen 8 Uhr und 9.30 Uhr. Um diese Uhrzeit sind die Skilifte noch geschlossen und die Wahrscheinlichkeit, dass sich wandernde oder Ski laufende Personen im Gelände befinden am geringsten. Am Morgen selbst überprüfen Gino Paganini und Lorenzo Buzzetti ihre Entscheidung ein letztes Mal: 

«Hat sich die Wetterlage verändert?»

«Haben wir genügend Sicht für den Helfiflug?»

«Kann der Sprengeinsatz sicher genug stattfinden?»

Wenn alles passt, gilt es, das Sprengmaterial zu organisieren. Samedan verfügt über kein eigenes Sprengstoffdepot mehr. Stattdessen besteht eine Vereinbarung mit der Heli Bernina AG, die eine gesetzeskonforme Lagerung in gesicherten Depots sicherstellt und qualifiziertes Sprengpersonal hat.

Der verwendete Sprengstoff ist ein Sicherheitssprengstoff: Ohne Zünder explodiert dieser nicht – nicht einmal bei Hitze oder Feuerausbruch. Und natürlich benötigt jeder, der mit Sprengstoff arbeitet, einen speziellen Sprengausweis, der in regelmässigen Abständen aufgefrischt wird. 

Abwurf aus dem Heli
Bevor auch nur eine Ladung abgeworfen wird, muss das betroffene Gebiet abgeflogen und abgesperrt werden. Meist betrifft dies Wanderwege, Skipisten oder auch Verkehrswege. Die Sperrung organisiert der Werkdienst der Gemeinde Samedan und erst nach offizieller Freigabe vom Bauamt darf gesprengt werden. 

Während des Einsatzes wird auf jeden ausgewählten Sprengpunkt meist eine 5-Kilogramm-Ladung Sprengstoff abgeworfen. Sie ist 90 Zentimeter lang und erinnert laut Gino Paganini an eine «dicke Salami». In einem Einsatz werden meist 9 bis 12 im Vorfeld fest definierte Sprengpunkte angeflogen.

Weil die Sprengladungen aus dem Helikopter abgeworfen werden, ist der Vorgang auch für die Heli-Insassen nicht ohne Risiko und höchste Präzision seitens des Piloten und aller Beteiligten gefragt. Liegt die abgeworfene Ladung nun im weichen Schnee, ist alles gut und nach der Detonation löst sich meist eine Lawine. 

Es wird gefährlich
Ist die Schneeoberfläche jedoch zu hart, kann es sein, dass die Sprengladung unkontrolliert «abrutscht». Das ist einer der gefährlichsten Teile des Einsatzes. Denn solche Blindgänger dürfen jetzt keinesfalls «verloren gehen» und ungesichert detonieren. Im Falle eines Blindgängers übernimmt ausschliesslich das Fachpersonal der Heli Bernina die Sicherung oder Nachsprengung, was nicht immer einfach ist. Die Spezialisten versuchen dann so genau es geht, den Blindgänger zu einem späteren Zeitpunkt anzufliegen und eine zweite Ladung anzubringen, sodass beide gemeinsam explodieren.

Am Ende werden nach jedem Sprengeinsatz aus der Luft verschiedene Parameter beurteilt. Etwa wie viel Schnee abgegangen ist oder ob noch irgendwo kritisches Material liegt. In der Regel können Wege und Gebiete noch am selben Tag wieder freigegeben werden – sofern keine weiteren Schneefälle angekündigt sind.

Warum Sprengen wirkt
Durch die Explosion entsteht ein zusätzlicher Druck auf der Schneedecke. Gibt es darin eine Schwachschicht, wird diese gezielt gelockert – ähnlich wie bei einer «echten» Lawine, die beispielsweise durch eine einzelne Person ausgelöst werden könnte – nur kontrolliert und aus sicherer Distanz. So verhindert das präventive Lawinensprengen nachweislich schwere Schäden im Winter.

Die Strategie und Häufigkeit für das Lawinensprengen ist ein Erfahrungswert und laut Gino Paganini heute anders als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Während früher länger gewartet wurde, löst man heute lieber häufiger kleinere Lawinen aus, um keine allzu grossen Abgänge zu riskieren.

Wenn zu lange nicht gesprengt würde, wäre die Gefahr zu gross, dass sich riesige Mengen Schnee punktuell ansammeln. Dann dürfte unter Umständen gar nicht mehr gesprengt werden, weil das Schadenrisiko untragbar hoch wäre. Doch natürlich gibt es auch schneearme Winter, in denen gar nicht gesprengt wird.

Ist Lawinensprengen sicher?
Laut Gino Paganini und Lorenzo Buzzetti sei es im Ge­biet Piz Padella in den vergangenen Jahrzehnten nie zu gravierenden Personen- oder Sachschäden infolge der Sprengungen gekommen. Kleinere Abgänge hätten vereinzelt Äste oder Wiesen erreicht, jedoch nie bewohnte Zonen.

Das Lawinensprengen in Samedan ist damit ein weiteres Beispiel präventiver Arbeit, die auf Erfahrung, lokaler Kenntnis und klar geregelten Abläufen basiert. Sie bleibt wie alle wichtigen Sicherheitsarbeiten der Gemeinde meist unbemerkt – solange alles funktioniert.