Wenn Karl Erni morgens die tägliche SMS schreibt, dann wissen seine Kinder im Unterland, dass es ihm gut geht. Die Zeit dazwischen ist oft lang und still. Dank der Begegnung mit Freiwilligen von «insembel»findet er im Alltag wertvollen Austausch.
Liwia Weible
Einsamkeit im Alter ist ein Thema, das viele betrifft – auch im Engadin. Wenn die Tage gleichförmig und stumm verlaufen und menschliche Nähe fehlt, kann das belasten. Karl Erni aus Samedan weiss, wie sich das anfühlt.
Vor acht Jahren verlor er nach 40 Jahren Ehe unerwartet seine Frau durch Krankheit. «Nach ihrem Tod bin ich in eine seelische Krise gefallen», erzählt der 84-jährige Samedner. Zwar steht er in engem Kontakt mit seinen Kindern und Enkelkindern, doch diese leben mit ihren Familien weiter weg in der Schweiz.
«Sie kommen mehrmals im Jahr zu Besuch, was wirklich schön ist», sagt Karl Erni. Und jeden Morgen schreibt er ihnen die gleiche SMS: «Ich bin aufgestanden.» Dann seien alle beruhigt und zufrieden, erzählt der einstige Heizungsmonteur und lacht.
Eines ist für ihn klar: «Ich würde nie von Samedan wegziehen. Ich bin seit 40 Jahren hier und gehöre hierher. Meine Kinder haben ihr eigenes Leben.»
Um unter Menschen zu sein, geht er fast jeden Tag – seit es das Migros-Restaurant gibt – dort zum Essen. Nach einem längeren Spitalaufenthalt im Frühling 2025 erfährt er vom Verein «insembel». So lernt er Herbert Baschnonga aus Zuoz und Franziska Triulzi aus St. Moritz kennen.
Begegnungen, die tragen
Seit einigen Monaten treffen sich die drei regelmässig. Sie gehen spazieren, setzen sich auf eine Bank, sprechen über Familie, das Leben und auch über schwere Zeiten.
«Es ist schön, Gesellschaft zu haben», sagt Karl Erni. «Jetzt weiss ich immer, wo ich mich melden kann, wenn ich jemanden zum Reden brauche.»
Der Verein «insembel»: Wertvolle Freiwilligenarbeit
Gegründet wurde der Verein «insembel» am 6. April 2022. Er wird im Mandat von Pro Senectute Graubünden, Geschäftsstelle Samedan, geführt. Die Idee entstand bereits früher, reifte jedoch während der Corona-Zeit. Damals wurde deutlich, wie wichtig Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und menschliche Nähe sind.
Der Verein vermittelt im ganzen Oberengadin Freiwillige an Menschen jeden Alters, die Unterstützung im Alltag suchen – etwa für Spaziergänge mit älteren Personen, gemeinsames Einkaufen, die Begleitung von Familien in schwierigen Situationen, Mittagstische, Kaffeetreffen, administrative Hilfe oder Fahrdienste für körperlich eingeschränkte Menschen.
Doch nicht alle Anfragen können erfüllt werden. «Es wäre schön, dem entgegenzuwirken und den Freiwilligen-Pool zu erweitern», sagt Christine Bärfuss, Leiterin der Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit. «Diese einfachen Begegnungen sind für Betroffene oft von unschätzbarem Wert, weil sie ihnen Lebensmut und Zuversicht schenken.»
Vom Sprach-Tandem bis zur Geissenherde
Die Einsätze sind so vielfältig wie die Beteiligten selbst. Beispiele aus der Praxis:
- Eine Deutschlehrerin trifft sich regelmässig mit einer Frau aus dem Ausland, um im Alltag Deutsch zu üben – ohne Schulbuch, dafür mitten aus dem Leben.
- Freiwillige stellen sich dem Personen-Spürhunde-Verein als «Suchpersonen» zur Verfügung.
- Aktuell gibt es eine Anfrage einer Geissenhalterin, die Unterstützung für ihr Projekt sucht.
- Zusammenarbeit mit Movimento: Freiwillige helfen bei Märkten, Aktivitäten oder im Laden mit.
- Kooperationen mit weiteren Organisationen, etwa dem sehr aktiven Frauenverein St. Moritz.
«Es ist gegenseitig»
Eigentlich war nur Herbert Baschnonga für Karl Erni vorgesehen. Doch dieser brachte kurzerhand seine Partnerin Franziska Triulzi mit. Die Chemie zwischen den dreien passte sofort.
«Herbert und ich haben früher über ‹insembel› eine junge Mutter mit Long Covid begleitet», erzählt Franziska Triulzi. «Sie hatte ein kleines Baby und war am Anschlag.» Die Dankbarkeit und Verbundenheit hätten sie geprägt – und den Wunsch geweckt, mehr solcher Begegnungen zu erleben.
«Die Treffen mit Karl geben uns so viel zurück – es ist einfach gegenseitig», sagt Franziska Triulzi. Auch Herbert Baschnonga betont: «Man weiss ja nie, ob man nicht selbst irgendwann Hilfe braucht.»
Für Karl Erni bedeutet die Arbeit von «insembel» weniger Einsamkeit, mehr Zuversicht und wieder Teilhabe am Leben:
«Ich war die letzten Jahre viel allein. Jetzt habe ich Menschen, mit denen ich reden kann, die mich verstehen. Nach unseren Treffen geht es mir gut.»
Informationen zum Verein «insembel»:
Trägerschaft:
Mandat von Pro Senectute Graubünden, Geschäftsstelle Samedan
Gründung:
6. April 2022
Wirkungsgebiet:
Ganzes Oberengadin
Angebot:
Vermittlung von Freiwilligen für Unterstützung im Alltag – persönlich, niederschwellig und individuell abgestimmt
Finanzierung:
Beiträge der Oberengadiner Gemeinden sowie private Spenden
Freiwilligenarbeit:
Menschen mit unterschiedlichsten beruflichen und persönlichen Hintergründen engagieren sich – viele bewusst ausserhalb ihres eigenen Berufs. «Jeder kann mit seinen Talenten Wertvolles bewirken. Freiwilligenarbeit ist sinnstiftend.» – Christine Bärfuss
Der Verein sucht noch freiwillig Helfende. Bei Interesse meldet euch unter:
Kontakt:
Christine Bärfuss
Via Retica 26, 7503 Samedan
Tel. 079 193 43 00
E-Mail: info@insembel-engadin.ch
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