Claudia Sutter ist eine der wenigen Frauen, die noch Engadiner Trachten restaurieren. Und obwohl die 80-Jährige mit ihrer Arbeit dem Verschwinden einer jahrhundertelangen Tradition entgegenwirkt, offiziell gelernt hat sie das Handwerk nie.
Liwia Weible
Frau Sutter, Sie kommen ursprünglich nicht aus Samedan. Wie hat Ihr Weg Sie hierhergeführt?
Claudia Sutter: Ich bin in Thusis aufgewachsen. Mit fünfzehn kam ich nach Samedan in die evangelische Lehranstalt und bin hier hängengeblieben. Zuerst für die Schule, später wegen der Liebe. Mit siebzehn habe ich meinen Mann kennengelernt. Seitdem bin ich Samednerin mit ganzem Herzen.
Sie haben 1965 Ihre Ausbildung als diplomierte Bäuerin abgeschlossen. Ein Beruf, der Ihr Leben lange geprägt hat.
Ja, wir hatten einen Hof. Nicht gross, aber wir haben uns über die Runden gebracht. Mein Mann hat nebenbei viel gearbeitet, mit dem Pferd hat er Kartoffeln ausgefahren, Fensterscheiben transportiert und Beerdigungen begleitet. Ich war Bäuerin und Mutter von drei Söhnen. Leicht war es nicht immer, aber wir waren jung und hatten noch Schwung.
Mit 51 Jahren haben sie etwas ganz Neues begonnen: Ihre eigene Näh- und Flickstube.
Genau, 1996. Mein Sohn Gian hatte gerade den Hof übernommen und ich wollte der jungen Generation ihren Platz lassen, also musste ich mir eine neue Aufgabe suchen. Das Nähen habe ich schon immer gern gemacht. Also fing ich an, vom Büstenhalter bis zum Rucksack alles Mögliche zu flicken.» (Sie lacht.)
Wann begann Ihre Leidenschaft für die Engadiner Tracht?
Schon als Mädchen habe ich es geliebt, Tracht zu tragen – vor allem die rostrote im Alltag. Die Tracht, die man hier im Engadin sieht, ist meist die Festtagstracht. In dieser habe ich 1965 geheiratet. Mein Mann hatte mir den Stoff zur Verlobung geschenkt und die Nonnen aus dem Kloster in Müstair haben sie mir genäht.
Ich trage die Tracht noch heute, vor allem im Cor masdo, in dem ich seit 62 Jahren singe. Natürlich musste ich sie mehrmals anpassen. Wie die meisten Frauen. (Sie schmunzelt.)
Die Nonnen aus dem Kloster St. Johann in Müstair haben Ihre Tracht genäht?
Ja, die Nonnen dort waren seit jeher aufs Trachtennähen spezialisiert. Die meisten historischen Engadiner Festtagstrachten stammen von ihnen, das erkennt man sofort, sie haben eine ganz filigrane Art zu sticken.
Mit der Zeit sind die Nonnen aber älter geworden und haben keine Nachfolgerinnen aufstellen können. Deshalb findet man ihren einzigartigen Stich, der auch Nadelmalerei genannt wird, heute fast gar nicht mehr, was sehr schade ist.
Und wie sind Sie selbst zum Trachten reparieren und restaurieren gekommen?
Duch Zufall. Eine Kollegin aus dem Chor meinte einmal: ‚Meine Tracht passt nicht mehr, kannst du nicht mal schauen?‘ Erst war ich unsicher, aber dann dachte ich mir: Ein paar Nähte auslassen und neu einpassen, das kann ich doch. So bin ich da reingerutscht… Eine Ausbildung zur Trachtenschneiderin habe ich aber nie gemacht. Und ans Nähen ganzer Trachten habe ich mich bis heute nicht getraut.
Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?
Die Ruhe und die glänzenden Seidenfäden, die es in hunderten Farben gibt. Aber auch die Stoffe… Zum Beispiel die schwarze Seide, aus der die Fazöla (das Schultertuch) besteht, sowas ist heute nur schwer zu finden.
Es ist auch gleichzeitig das grösste Problem am Trachtenrestaurieren: Diese besonderen Stoffe zu bekommen. Einmal hatte ich Glück, da konnte ich grössere Restbestände Lodenstoff, Zwicky-Seide und Seidengarn von den Nonnen aus Müstair aufkaufen. Sonst findet man die Stoffe am ehesten in Paris oder Mailand.
Eine Tracht ist also fast Haute Couture?
Ja, vergleichbar. Eine Tracht ist ein massgeschneidertes, handgefertigtes Unikat, aber auch ein langlebiges Stück. Und weil die Anschaffungskosten für Trachten so hoch sind, werden sie häufig innerhalb der Familien weitergegeben. Deshalb werden sie auch eher repariert als neu angefertigt. Für viele Familien käme ein Neukauf nicht in Frage.
Was kostet denn eine neue Tracht?
Ach, das ist eine beträchtliche Investition. Man müsste heute wohl mit rund 15’000 Franken rechnen. Der Preis entsteht durch unzählige Stunden sehr filigraner Handarbeit und durch die Materialien. Ich schätze, dass rund 300 Arbeitsstunden in einer Tracht stecken, allein das Nähen dauert etwa 150 Stunden. Dazu kommen die Stoffe, die kaum noch zu finden sind. Ein Meter der schwarzen Seide (Satin Duchesse) kostet 200 Franken.
Ich selbst rechne darum nie in Stundenpreisen für die Restauration, sondern nenne einen Pauschalpreis nach Erfahrungswerten.
Man sagt, die Engadiner Nadelmalerei sei hohe Kunst.
Die Stickerei ist dicht und filigran, ja. Fast wie ein Gemälde Seide auf Seide. Und jede Stickerei erzählt eine persönliche Geschichte. Meine zum Beispiel hatte meine Schwägerin für mich «entworfen». Diese feinen Muster später in Stickerei zu übertragen, ist das Schwierigste. Allein dafür bräuchte es schon eine Ausbildung. Darum bleibe ich lieber bei den Reparaturen – neue Schultertücher zu sticken, das würde ich mir nie zutrauen.
Gibt es eine spezielle Technik, die ihnen die Arbeit erleichtert?
Ja die gibt es. Damit die Farben des Seidengarns besonders intensiv leuchten, ziehen wir jeden Faden vorher durch ein Stück Bienenwachs. Dann gleitet er leicht und franst nicht aus. Aber die Hände müssen ganz glatt sein, bloss nicht direkt aus dem Garten an die Stickerei.» Sie lacht. «Das habe ich am Anfang auch lernen müssen.»
Was sollte man mitbringen, um Trachten reparieren zu können?
Geduld, Geduld, Geduld. Vielleicht gibt es deswegen nicht mehr so viele junge Leute, die das Handwerk machen wollen. Und gutes Licht (Sie lacht). Es ist eine Arbeit, die viel Konzentration braucht. Deshalb brauche ich oft mehrere Wochen, bis ich ein Stück Tracht repariert habe. «Mal eben schnell, schnell» gibt es bei mir nicht.
Es gibt strenge Richtlinien für Trachten. Halten Sie sich daran?
So gut wie möglich. Aber manchmal muss man einfach praktisch sein. Was nützt ein perfekt genähtes Stück, wenn man es kaum anziehen kann? Ich habe zum Beispiel einmal einen Reissverschluss eingebaut statt einer Schnürung. Die Dame singt im Chor, das sieht niemand, und sie kann wieder atmen. Trachten sollen getragen werden und nicht im Schrank hängen.
Mit 79 Jahren waren Sie erstmals an einem Kurs für Trachtennähen und Sie besuchen regelmässig Kreativwochenenden. Ein schöner Beweis, dass man in jedem Alter noch dazulernen kann.
Aber ja. An solchen Wochenenden treffen sich Trachtennäherinnen, Stickerinnen und andere Interessierte. Wir sind zwischen 11 und 19 Frauen und jede bringt ihr aktuelles Projekt mit, mal ein Capadüsli, mal eine Schürze usw. Wir üben gemeinsam Stiche, vergleichen Techniken und helfen einander. Es macht so viel Freude, auch der Austausch und die Kameradschaft. Ich lerne jedes Mal noch was Neues dazu.»
Was glauben Sie, welche Zukunft hat die Tracht im Engadin?
Solange es die Giuventüna und den Cor masdo gibt, bin ich zuversichtlich. Ich stelle auch fest, wenn junge Menschen erst einmal sehen, wie viel Stunden Arbeit und handwerkliches Können in ihrer Tracht stecken, entwickeln sie eine viel tiefere Bindung dazu. Was ich aber nicht so gerne habe, ist, wenn ich gefragt werde, Muster und Stickereien vom Handyfoto zu kopieren. Jede Stickerei sollte doch ein Unikat sein.
Und was bedeutet Ihnen, Claudia Sutter, die Arbeit mit den Trachten?
(Sie schaut einen Moment nachdenklich auf die Fazöla in ihren Händen.) Es macht mich glücklich, wenn eine Tracht, die viele Jahre getragen wurde, wieder schön wird und weitergegeben werden kann. Früher oder später geht jede Stickerei oder auch der Stoff kaputt, das ist einfach so – ich rette einfach, was ich retten kann. Und wenn ich damit einen Beitrag leisten kann, dass Familien länger Freude an ihrer Tracht haben, dann bin ich dankbar.








