Eines der Herzensprojekte von Martina Shuler-Fluor ist der «textile Schatz», der jahrzehntelang auf dem Dachboden der Chesa Planta aus vielerlei Gründen unbeachtet bleibt. Die Geschäftsführerin der Stiftung Chesa Planta erahnt den historischen und kulturellen Wert der über 400 kostbaren Kleidungsstücke und Accessoires aus der frühen Neuzeit. Seit Aufnahme ihrer Tätigkeit im Jahr 2021 will sie den «Textilschatz» an die Öffentlichkeit bringen. Anfang 2025 wird ihr Ziel Realität.
Das Interview mit Martina Shuler-Fluor führte Birgit Eisenhut.
Frau Shuler, können Sie erklären, warum diese beeindruckenden historischen Kleider und Accessoires so lange ein «Aschenputtel-Dasein» auf dem Dachboden der Chesa Planta gefristet haben?
Ich denke, es hat tatsächlich zwei Gründe. Einerseits waren die Mitglieder des Stiftungsrats und die meisten Geschäftsführer vor mir Männer, die – andererseits- eher anderen Werten im Haus kulturhistorische Bedeutung beigemessen haben. Mein direkter Vorgänger war Musiker. Er entdeckte zwei Barockflöten, die in zwei schlichten Schachteln zum Vorschein kamen. Ich habe mich hingegen schon immer für Mode interessiert. Als mir diese Kleidung gezeigt wurde, war ich absolut begeistert, wusste aber nicht genau, was da vor mir lag.
Warum blieben diese wunderschönen Kleider und Accessoires bis heute unbeachtet?
Sie blieben nicht unbeachtet. In den Neunzigerjahren gab es für kurze Zeit eine Stiftungsrätin, Leonarda von Planta, die sich der Textilien annahm. Durch ihren Einsatz wurden einige Textilien restauriert und auch ausgestellt. Gleichzeitig wurde eine handschriftliche Inventarisierung durchgeführt. In diesem Zusammenhang möchte ich auch Elisabeth Schmidt aus Samedan erwähnen, die jahrelang der «Gute Geist» in der Chesa Planta war und sich um den Erhalt der Textilien kümmerte.
Erwähnenswert ist auch die Masterarbeit über die Textilien der Kunsthistorikerin Sophie Grossmann. Ihre Arbeit wurde im Bündner Jahrbuch 2025 publiziert. Zudem hat mich die Stiftungsratspräsidentin Annetta Ganzoni seit Aufnahme ihrer Tätigkeit bei diesem Projekt sehr unterstützt. Was mir im Laufe meiner Arbeit aufgefallen ist: Wenn es um diesen Textilschatz geht, sind und waren immer Frauen im Spiel.
Dass Fundraising langwierig und zeitintensiv ist, weiss jeder, der im Kulturbereich arbeitet. Sie haben es geschafft, auf diesem steinigen Weg die notwendigen Mittel zu beschaffen. Wie sind Sie an die Expertinnen gekommen, die Textilhistorikerinnen, die den Wert und die Bedeutung der Kleider erst verifizieren konnten?
Wie sagt man so schön – es ergab eins das andere: Monica Rottmeyer, eine Bekannte von mir, vernetzte mich mit dem Kunsthändler Wolfgang Ruf, der eine umfangreiche Sammlung von historischen Kleidungsstücken besitzt. Er empfahl Thessy Schoenholzer Nichols, Historikerin für Textilien, Spitzen und Kostüme, zu kontaktieren. In dem Moment, in dem diese die Stücke sah, war sie sofort von der Sammlung begeistert.
Bei der Sammlung handelt es sich um Bekleidung, Accessoires, Stiefel, Hüte bis hin zu einem roten Herrenrock aus der Zeit von Louis XIV, ein prachtvolles Stück, obwohl an diesem der rechte Ärmel fehlt. Wie dieser den Weg in die Chesa Planta Samedan fand, bleibt eine offene Frage. War es Kriegsbeute oder war gar einer der Salis am Hof von Louis XIV?
Gab es sonst noch Interessantes bei der Bestandsaufnahme der Textilien?
Ja, der Hinweis der Textilhistorikerin, dass man anhand der verwendeten Stoffe sehen kann, wie der einstige Wohlstand der Familie abnahm: Die Kleidungsstücke wurden wiederverwendet, aber der Schnitt wurde jeweils der neuesten Mode angepasst. So konnte wohl nach aussen der Eindruck von Wohlstand gewahrt bleiben. Zu Napoleons Zeiten verlor die Familie einen beachtlichen Teil ihrer Güter im Veltlin, was mit dem Anspruch auf territoriale Hohheitsgebiete zu tun hatte.
Und eine interessante Anekdote dazu: Vinzens von Salis (1760-1832) reiste extra zu Napoleons Krönung nach Paris, um etwas gegen die Enteignung seiner Güter im Veltlin zu erreichen – leider ohne Erfolg.
Speziell an der Textilkollektion der Chesa Planta Samedan ist: Die Bekleidung wurde von den Besitzerfamilien getragen. Durch diese Inventarisierung finden wir Kleider, die zu den Porträts in den Korridoren passen. Wir sehen zudem ein grosses Potenzial für die Forschung und die regionale Identität in dieser Sammlung.
2025 realisierte RTR einen Dokumentationsfilm über den «textilen Schatz», der auch zeigt, wie er wissenschaftlich dokumentiert wird. Nun ist eine Ausstellung geplant.
Ja, wir planen eine Ausstellung mit besonderen Stücken, der Termin der Eröffnung ist auch schon fix: Samstag, der 4. Juli 2026. Das ist aber nicht das einzige Vorhaben. Wir werden auch ein Rahmenprogramm zur Ausstellung anbieten: Workshops, eine Fachtagung und ein Catwalk (selbstverständlich nicht mit den historischen Textilien). Wir werden Teile der inventarisierten Stücke auf dem Kulturportal des Kantons Graubündens «porta cultura» zeigen, und last but not least: Wir hoffen, dass wir genug Geld finden, um ein Buchband der Textilien und der Geschichte herausgeben zu können.
Über die Stiftung Fundaziun da Planta
Martina Shuler-Fluor ist seit 2021 Geschäftsführerin im 50-Prozent-Pensum der Stiftung Fundaziun da Planta. Die Stiftung wurde 1943 von vier Frauen aus der Familie von-Planta gegründet, mit dem Zweck, eine öffentliche romanische Bibliothek zu unterhalten. Darüber hinaus soll die Stiftung weitere Zwecke verfolgen, die der Pflege und Förderung der romanischen Sprache und Kultur dienen. Sitz der Stiftung ist das herrschaftliche Gebäude, die Chesa Planta in Samedan.
Die Chesa Planta Samedan erhält finanzielle Unterstützung aufgrund von Leistungsvereinbarungen mit dem Kanton, der Standortgemeinde Samedan und allen anderen Oberengadiner Gemeinden. Um die verschiedenen Projekte durchführen zu können, bedarf es jedoch weiterer Unterstützung von Förderstiftungen, Sponsoren und Gönnern. Eine der wichtigen Arbeiten von Martina Shuler-Fluor ist das Fundraising.








