Die Schutzwaldpflege – lebenswichtig für die Dorfbevölkerung von Samedan – ist nur eine von vielen verantwortungsvollen Aufgaben, die der Forstbetrieb Pontresina-Samedan im Auftrag der beiden Gemeinden erfüllt. Was das kleine Team noch alles macht und was Schutzwald eigentlich bedeutet, lest ihr in dieser Hintergrundstory.
Etwa 90 Prozent der Wälder rund um Samedan und Pontresina werden als Schutzwald klassifiziert. Als solche halten sie Lawinen zurück, stoppen Steinschläge, schützen die Dörfer vor Hochwasser, Erosion und anderen Naturgefahren. Ein Schutzwald kann dabei wie ein Schwamm wirken, der Wasser speichert, filtert und dosiert wieder abgibt. Er kommt unseren Böden zugute und reguliert das Klima, aber vor allem: Er ist eine Art Lebensversicherung für Siedlungsgebiete.
Einst abgeholzt, dann wieder aufwändig gepflanzt
«Früher hat man ganze Waldhänge abgeholzt, ohne an die einschneidenden Folgen zu denken», sagt Forstbetriebsleiter Corado Vondrasek. «Doch dann stellte man fest, dass die Lawinen plötzlich bis direkt ins Dorf rollen konnten. Auch Überschwemmungen waren häufiger.»

Corado Vondrasek ist seit 2004 im Amt und Leitet den Forstbetrieb Pontresina-Samedan. Als lokaler Spezialist für Naturgefahren berät er ausserdem die beiden Gemeinden rund um Katastrophenschutz und spricht Warnungen an diese aus.
Ein Blick in alte Wirtschaftspläne zeigt, dass die Situation dann irgendwann aber doch ernst genommen wurde: Zwischen 1868 und 1907 wurden in den Wäldern von Munt und Muntatsch rund 380’000 Bäume neu gepflanzt – Lärchen, Arven, Fichten und weitere Arten. In den Jahrzehnten danach folgten weitere Aufforstungen, auch wenn nicht alle Mengen genau dokumentiert sind. Sicher ist: In den 1950er-Jahren kamen nochmals etwa 1’000 Lärchen und 3’600 Arven dazu.
Heute gibt es längst keinen Zweifel mehr: Ohne Schutzwald wäre das Dorf Samedan, wie viele andere Siedlungsgebiete in der Schweiz auch, Naturgefahren sehr viel stärker ausgeliefert.
Allerdings – ein stabiler Schutzwald wächst nicht von ganz allein. Unser stiller Beschützer benötigt laufend Pflege und handfestes Eingreifen.
Das Gebiet Selvas Plaunas über dem Dorf früher, vermutlich um 1800 , als Waldhänge noch achtlos abeholzt wurden. Heute ist das Gebiet wieder dicht bewachsen, denn der Schutzwald schützt unsere Strassen, Häuser, wichtige Verkehrsträger und Infrastrukturen. (von li. n. re.)
Schutzwald entsteht durch Menschenhand
Damit ein Schutzwald auch in 100 Jahren noch seine lebenswichtige Aufgabe erfüllen kann, braucht es menschliches Eingreifen und Strategie. Das bedeutet zum Beispiel, auch mal vollkommen gesunde Bäume zu fällen. «Das mag vielleicht im ersten Moment überraschend klingen», sagt Corado Vondrasek, «aber nur wenn wir gezielt Platz schaffen, können andere Bäume drumherum kräftiger wachsen. Sie bilden stärkere Wurzeln, die Schneemassen und Unwetter besser standhalten.»
Schutzwaldpflege ist eine hochpräzise und zugleich handfeste Arbeit. Forstarbeiter schlagen Schneisen, vermessen Hänge, installieren Seile und Winden. Per mobiler Seilbahn, mit Helikoptern oder schweren Maschinen müssen gefällte Stämme aus den steilen Hängen abtransportiert werden.
Parallel sorgt der Forstbetrieb Pontresina-Samedan aber auch dafür, dass neue Baumarten wie Zitterpappeln, Eichen und Linden gepflanzt werden. Auf diese Weise werden die Wälder rund um Samedan artenreicher und damit widerstandsfähiger gegen artspezifische Krankheiten.. Und so stabiler in ihrer Schutzwirkung.
«Wir komponieren den Wald neu, damit er uns beschützen kann.»
«Wir komponieren den Wald quasi neu. Damit er uns besser beschützen kann», sagt Corado Vondrasek und deutet auf eine Abbildung, die einen natürlichen Wald neben einem durch Menschen gepflegten Schutzwald zeigt. Der von Menschenhand «komponierte» Wald erscheint hellgrün, frisch und lichtdurchflutet, während der naturbelassene Wald fast marode und morsch wirkt.
Die Schutzwaldpflege ist aufwändig, aber im Vergleich zu künstlichen Katastrophenschutzbauten 25x mal effektiver.
Papierkram und Liebe für den Wald
«Der Wald ist nie fertig und verändert sich ständig. Er wächst langsam und verlangt damit Pflege und Aufmerksamkeit, die lange über ein Försterleben hinausgehen», erklärt Corado Vondrasek. Das in einem Forstbetrieb angesammelte Wissen ist darum beträchtlich und muss lückenlos für Nachfolgende dokumentiert werden. Für den Forstleiter und passionierten Jäger gehört der «Papierkram» aber einfach dazu: «Das Wissen über Wald- und Naturvorgänge weiterzugeben, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Neben der Liebe für den Wald».
Holz bleibt in der Region
Auf eines legt der Forstbetriebsleiter, der seit 2004 im Amt ist, bei all dem besonders Wert: dass die Wertschöpfung der Waldpflege im Engadin bleibt. Gefälltes Holz wird an lokale Schreinereien verkauft oder vom Forst-Team selbst zu Sitzbänken, kleinen Brücken oder Brunnen verarbeitet. Das minderwertige Holz wird in Form von Hackschnitzeln im Fernwärmenetz der Firma Freund Samedan weiterverwendet. «So bleiben 99 Prozent unseres Holzes in der Region», sagt Corado Vondrasek sichtlich erfreut.
Kleines Team, grosse Aufgaben
Der Forstbetrieb Samedan-Pontresina arbeitet im Auftrag der beiden namensgebenden Gemeinden. Die Schutzwaldpflege bildet nur einen Teil der vielen Aufgaben der fünf festen und der zwei temporären Mitarbeiter:innen. Naturbedrohungen einschätzen und eindämmen, mit der Lawinenkommission Sprengungen vorbereiten, Wanderwege unterhalten, Biodiversität fördern – dem kleinen Team werden zahlreiche, sehr unterschiedliche Fertigkeiten abverlangt. «Wir machen eigentlich alles, was mit Wald, Holz und der Einschätzung und Verringerung von Naturgefahren zu tun hat», sagt der ausgebildete Förster FH.
Als lokaler Spezialist für Naturgefahren berät Corado Vondrasek ausserdem die Gemeinden Samedan und Pontresina, damit diese frühzeitig und richtig reagieren können. So gehört es zu seinem Job, das ganze Jahr über Naturphänomene, wie beispielsweise Gewitterzellen im Sommer, präventiv zu beobachten und Warnungen auszusprechen.











