Inside Samedan Stories

20 Jahre Flazverlegung – ein schweizweit beachtetes Wasserbauprojekt

Vor zwanzig Jahren wurde in Samedan ein Projekt mit Signalwirkung realisiert: die Verlegung des Flaz mit der Renaturierung des Inn. Das Projekt gilt bis heute als nationales Modellprojekt. Anlass genug für einen Rückblick hinter die Kulissen des 28-Millionen-Bauwerks.

Dass Wasserreichtum Fluch und Segen zugleich sein kann, weiss man in Graubünden wie kaum anderswo. So wird der Kanton manchmal auch als ‘Land der hundert Bäche und Flüsse’ bezeichnet. Doch die Kehrseite davon: periodisch kommt es zu starken Überschwemmungen mit teils verheerenden Schäden für Mensch, Tier und Infrastruktur.

Neue Philosophie im Hochwasserschutz

Erfahrungen aus vielen Jahrzehnten Hochwasserschutz haben gezeigt, dass solche extremen Ereignisse an Dämmen und Wuhren nicht Halt machen. Moderne, nachhaltige Hochwasserschutzprojekte gestehen dem Fluss gezielt Überflutungsflächen zu und wägen auch die ökologischen Nachteile ab.

Genau dieser Philosophie folgte das Hochwasserschutzprojekt Flaz/En in Samedan schon vor über zwanzig Jahren: Statt Naturgewalten mit Dämmen zu bannen, sollten diese Raum zur Entfaltung bekommen, einfach weiter weg vom Siedlungsgebiet.

Zwei zentrale Anliegen standen im Projekt Flaz/En im Mittelpunkt

Eine Verlegung des Flusses sollte einerseits die Überflutungszone vom Lebens- und Wirtschaftsgebiet Samedan sowie vom Bahnhof wegverlagern – hinein in ein Gebiet mit weniger hohem Schadenpotenzial
Andererseits galt es, den Inn zu renaturieren und ihn für Bevölkerung, Gäste, Flora und Fauna attraktiv zu halten. Damit wurden ökologische, soziale und wirtschaftliche Interessen miteinander verbunden.

Das Ergebnis: Das Flusssystem ist heute deutlich belastbarer und das Risiko konnte auf ein Minimum reduziert werden. Gleichzeitig wurden dort Prioritäten gesetzt, wo besonders wertvolle Infrastruktur wie Wohnhäuser, Gewerbezonen oder Verkehrsträger bedroht waren. Und nicht zuletzt wurde das renaturierte Gebiet a l’En auch als Erholungsgebiet aufgewertet.

Die Kosten von über 28 Millionen Franken galten zwar als beträchtlich, doch die Gefahrenkarten sprachen eine eindeutige Sprache: Hätte man erst gewartet, bis wieder ein besonders schweres Ereignis eintritt, wären die Schäden wohl ungleich höher ausgefallen .

Die Gefahrenzone rot (absolutes Bauverbot) und blau markiert vor der Flazverlegung. Der überschwemmungsfreudige Flaz verlief früher gefährlich nahe am Siedlungsgebiet und Bahnhof von Samedan.

Wie kam es zu dem Handlungsdruck?

Bis ins späte 19. Jahrhundert schlängelte sich der Flaz gefährlich nahe am Siedlungsgebiet Samedan vorbei und gefährdete auch neuralgische Punkte wie den Bahnhof. Immer wieder wurde das Dorf überschwemmt. Besonders die 1950er-Jahre gingen als ‘Hochwasserjahrzehnt’ in die Geschichte ein: fünfmal stand das Dorf unter Wasser. Mit dem Bau massiver Dämme (1956–1958) konnte die Gefahr vorerst gebannt werden.

Als Samedan im Juli 1987 nur knapp einer Katastrophe entging – «das Hochwasser schwemmte Mängel frei», wie es der damalige Gemeindepräsident Thomas Nievergelt formulierte – erhöhte der Kanton den Druck auf die Gemeinde.

Zunächst wehrte sich der Gemeinderat dagegen, weitere Massnahmen zu treffen. Und die Frage, ob überhaupt eine akute Gefahr bestand, führte zu langem Hin und Her mit dem Kanton. Im Juli 1995 erteilte man einen Studienauftrag an die ETH Zürich, um diese zentrale Frage abchliessend zu klären.

Die alten Bilder zeigen, wie gravierend die Schäden in den 30-er und 50-er Jahren in Samedan waren .

1956 bis 1958 wurden Dämme gebaut, die das Schlimmste verhindern konnten.

Studienergebnisse sprachen eine klare Sprache

Die Untersuchungen zeigten klar: Das bestehende Gerinne würde bei einem ausserordentlichen Hochwasser nicht mehr ausreichen. Mitverantwortlich waren klimatische Veränderungen wie der Rückzug der Gletscher und die steigende Schneefallgrenze.

Die Bündner Regierung stufte, gestützt auf diese Studie, das Gebiet von a l’ En über den Bahnhof bis Promulins als Gefahrenzonen ein und belegte es mit Bauverboten. Zudem setzte der Kanton der Gemeinde eine Frist bis Ende 2005, um konkrete Schutzmassnahmen zu realisieren.

Das Hochwasser von 1987 aber “schwemmte Mängel frei” und führte zur Diskussion, ob der Hochwasserschutz in Samedan noch ausreichte.

Variantenstudien und Volksentscheid

Die Gemeinde prüfte nun aufwändig zahlreiche Optionen – von Staumauern in der Val Roseg und in Morteratsch, über den Rückstau der Oberengadiner Seen bis zum Bau von Rückhaltebecken. Am Ende blieben zwei machbare Lösungen: der Ausbau des bestehenden Gerinnes mit einer Entlastungsrinne in die Flugplatzebene oder die komplette Verlegung des Flaz.

Die Stimmberechtigten von Samedan entschieden sich mit deutlichem Mehr für die zweite – viel kostspieligere – Variante. Ausschlaggebend war die transparente Kommunikation des Gemeinderates sowie die ökologische und landschaftliche Qualität des Projekts. Der Fonds Landschaft Schweiz bezeichnete die Planung 2002 unter anderem als «landschaftlich spektakulär, jedoch unerwartet naturnah» und lobte die Verbindung von Hochwasserschutz und ökologischer Aufwertung.

Die Bevölkerung hatte verstanden: Hier sollten vielfältige Interessen vorbildlich abgewogen und integriert werden. Die Umsetzung erfolgte in Rekordbauzeit und mit etlichen Beteiligten.

Umsetzung in Rekordzeit mit etlichen Beteiligten

Mit dem Spatenstich im Mai 2002 begann eines der grössten wasserbaulichen Vorhaben Graubündens. Über 300 000 m³ Material wurden bewegt, 245 000 m³ Schüttungen eingebracht und 75 000 Tonnen Blocksatz für den Uferschutz verwendet.
Das neue Flussbett misst 4,05 km, während 1,7 km alte Dämme zurückgebaut wurden. Gleichzeitig wurde der Inn auf 3,25 km ökologisch aufgewertet. Insgesamt entstanden sechs neue Brücken, darunter grosszügige Querungen für die Marathonloipe.

Die Bauzeit betrug viereinhalb Jahre. Bereits im Spätherbst 2003 floss der Flaz im neuen Gerinne. 2004 folgten Rekultivierungen, 2004/2005 die Renaturierung des Inns bei Cristansains. Die letzten Arbeiten wurden 2006 abgeschlossen.

Eine ökologische Baubegleitung stellte sicher, dass wertvolle Lebensräume wie das Hochmoor Pè d’Munt unberührt blieben. Neue Auenflächen entstanden, Flora und Fauna erhielten naturnahe Rückzugsgebiete. Auch die Landwirtschaft wurde eng einbezogen: Die beanspruchten 17 Hektaren Land konnten durch Arrondierungen und Flächentausch kompensiert werden – mit Vorteilen für die Bewirtschaftung der Betriebe.

Die Detailplanung war aufwändig, aber durch eine äussserst konstruktive Zusammenarbeit von Vertretern der unterschiedlichsten Branchen effizient und reibunglos.

Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Akteure

Das Projekt gelang nur dank enger Kooperation der unterschiedlichsten Akteure. Bund (Bundesamt für Wasser und Geologie), Kanton (Abteilung Wasserbau des Tiefbauamtes), Nachbargemeinden und lokale Interessenverbände waren beteiligt. Vertreter:innen von Umweltorganisationen, Vereinen, kantonalen Fachstellen, Naturwissenschaftler:innen, Bauplaner- und arbeiter sowie die Gemeinde brachten ihre Expertise ein und zogen an einem Strang.

Die Bündner Regierung hatte zuvor immer wieder mit Nachdruck auf die Gefahr hingewiesen und die die Gemeinde in die Pflicht genommen, unterstützte sie aber auch grosszügig. Die Kosten beliefen sich auf CHF 28,4 Millionen, getragen zu 75 % von Bund und Kanton und zu 25 % von der Gemeinde und weiteren Partnern.

Das Hochwasserschutzprojekt Flaz/En dürfte Samedan in den letzten 20 Jahren vor beträchtlichen Schäden bewahrt haben. Und sollte auch in Zukunft die Lebensgrundlage kommender Generationen sichern. Ein Jubiläum mit Vorzeigecharakter.

Informationsbroschüre zum Projekt zum Download (PDF)