Wer diese Tage an den Ufern von Flaz und Inn entlangspaziert, wird ihr fast zwangsläufig begegnen: der Vielblättrigen Lupine. Mit ihren zahlreichen bläulich violetten, rosafarbenen oder weissen Blüten ist sie zweifellos schön anzusehen, doch sie ist alles andere als harmlos.
Denn was viele nicht wissen: Die Lupine ist ein sogenannter Neophyt – eine invasive, gebietsfremde Pflanze – und bedroht die Flora und Fauna des Oberengadins. Seit September 2024 ist deren Verkauf in der Schweiz verboten.
«Die Lupine verdrängt unsere heimischen Pflanzen sehr schnell und nachhaltig. Sie ist wunderschön, aber sie gehört nicht hierher», erklärt Sascha Gregori. Seit 16 Jahren koordiniert er für das Amt für Natur und Umwelt Graubünden die systema- tische Bekämpfung gebietsfremder Arten mit Freiwilligen und Institutionen; unter anderem auch die der Vielblättrigen Lupine in den Oberengadiner Auenlandschaften sowie drumherum. Und das ist mitunter Knochenarbeit.
Denn die Lupine ist zäh – und nur wer die giftige Pflanze mit dem gesamten Rhizom aus dem Boden holt, hat eine Chance, diesen Neophyten nachhaltig zu dezimieren. «Wir müssen das Problem sprichwörtlich an der Wurzel packen», sagt Sascha Gregori, während er mit geübtem Blick junge Keimlinge aufspürt. Ohne natürliche Fressfeinde und hocheffizient produziert die Lupine bis zu 2‘000 Samen pro Pflanze. «Man muss hier ganz gründlich arbeiten und selbst die kleinsten Keimlinge erwischen. Sonst geht das Spiel im nächsten Jahr wieder von vorne los.»
Zu schön, um bekämpft zu werden?
Die aus Nordamerika stammende Pflanze wurde einst als Zierpflanze in die Schweiz gebracht und findet im alpinen bis hochalpinen Raum beste Bedingungen vor. Ausgehend von Privatgärten wuchert sie inzwischen auf offenen Flächen, entlang von Strassen und revitalisierten Flussufern. «Da die Vielblättrige Lupine erst letztes Jahr für den Verkauf verboten wurde und in Privatgärten noch toleriert wird, wissen viele nicht, wie invasiv sie in der freien Natur ist», so Josua Visani. Er leitet die praktischen Einsätze zur Bekämpfung des Neophyten mit Zivildienstleistenden.
Die Gemeinde stellt in der Nähe der Bekämpfungstrupps zwar Informationstafeln auf, um Passantinnen und Passanten über die Arbeiten zu informieren. Doch das reicht oft nicht, denn noch verstehen viele Menschen nicht genau, warum diese schön anzusehende Pflanze vernichtet werden soll. Die Antwort gibt Josua Visani prompt: «Es geht vor allem darum, unsere Biodiversität zu erhalten. Das geht nur, wenn wir kontinuierlich eingreifen – und zwar entschlossen, gründlich und über Jahre hinweg», betont der Einsatzleiter.

Seit 3 Jahren intensive Neophyten-Einsätze auf Gemeindegebiet
Auch diesen Sommer finden wieder Neophyten-Einsätze statt: Den Anfang hat eine Zivildienstgruppe im Juni gemacht. Zwischendurch werden auch Schulklassen eingebunden, die sich so ihre Klassenkasse aufbessern. In den Schulferien im Juli und August packen Jugendliche im Rahmen von Sommerjobs bei der Lupinenbekämpfung mit an. Und auch im Kieswerk Montebello sind Einsatztage für Schulklassen organisiert – im Rahmen des Programms ValurNatur, getragen durch die Stiftung Biodiversität Graubünden.
Die Einsätze bedeuten handfeste, körperliche Arbeit in steinigen, verwachsenen Böschungen mit schlechter Zugänglichkeit, die viele Stunden und Tage dauert. Und doch, «je öfter wir sowas organisieren, desto einfacher wird’s, die Ausbreitung der Lupine zu verhindern», sagt Sascha Gregori und ergänzt: «Die Pflanzen können dann keine Reserven mehr anlegen, werden so schwächer und man bekommt sie besser aus dem Boden.»
Erfolgreiche Etappensiege – aber kein Grund zur Entwarnung
Ist der Neophyten-Spuk im Engadin dann vielleicht irgendwann vorbei? «Die Lupine ist eher gekommen, um zu bleiben», sagt Sascha Gregori und zuckt nachdenklich mit den Schultern. «Aber dass wir bereits nach nur drei Jahren schon so viele lupinenfreie Flächen haben, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.»
Die Lupinenbekämpfung ist keine Aktion für einen Sommer, sie ist ein Langzeitprojekt. «Ähnlich wie beim Küchenputz», meint der kantonale Fachspezialist augenzwinkernd. «Den machst du auch nicht einmal und hast für immer Ruhe. Du musst dranbleiben, sonst sieht’s bald wieder aus wie vorher.»
Fotos: Michael Vogel / Oekoskop
Daten und Fakten: Warum die schöne Lupine ein Problem ist
Lupinus polyphyllus – die Vielblättrige Lupine
Herkunft: Nordamerika | Einführung in Europa: als Zierpflanze (ab ca. 19. Jh.)
Was macht sie gefährlich?
Indem sie standorttypische Pflanzenarten verdrängt, verändert sie nachhaltig unsere empfindlichen alpinen Ökosysteme. Die Folgen sind gut dokumentiert, vielfältig und besorgniserregend:
Verlust an Pflanzenartenvielfalt: Spezialisierte alpine Blumen, Gräser und Kräuter, die oft an extreme Standortbedingungen angepasst sind, werden durch die dominanten Lupinenbestände verdrängt.
Veränderung von Lebensräumen: Die Umwandlung offener artenreicher Magerwiesen in lupinendominierte, stickstoffreiche Flächen führt zu einseitigen Landschaften. Viele Insekten, Vögel (z.B. Flussuferläufer und Flussregenpfeifer in den Engadiner Auenlandschaften) und andere Tiere, die auf die ursprüngliche Flora oder offene Flächen angewiesen sind, verlieren ihren Lebensraum.
Giftig für Nutztiere: Die gesamte Pflanze ist giftig, vor allem die Samen und Hülsen. Die Alkaloidwirkung bleibt im Dürrfutter erhalten, was die landwirtschaftliche Nutzung betroffener Flächen stark einschränkt.
Unabsehbare Auswirkungen auf Ökosysteme: Die Veränderung der Zusammensetzung der Pflanzenarten und Bodeneigenschaften kann sich langfristig auf weitere Ökosystemfunktionen wie Bestäubungsnetzwerke und den Wasserhaushalt auswirken.
So wird die Lupine eingedämmt
Die Bekämpfung ist aufwendig und erfordert ein konsequentes Vorgehen. Vor allem betroffen sind: Flussufer von Inn und Flaz, Revitalisierungszonen, Magerwiesen und Auenlandschaften.
Zu den Massnahmen gehören: das gründliche, frühzeitige Ausstechen junger Pflanzen mitsamt den Wurzeln, das mehrmalige Mähen vor dem Verblühen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern sowie die korrekte Entsorgung des Pflanzenmaterials über die Kehrrichtverbrennung oder eine professionelle Vergärungsanlage.
Davon ist abzuraten
- Im heimischen Garten Lupinen anpflanzen, weil sie schön anzusehen sind.
- Mit der essbaren, proteinreichen Lupine verwechseln, die eine andere Art ist und als Power-Food gilt.

















