Porträt Stories

Engadiner Lebensweisheiten im Lauf der Zeit

Ein Engadiner Haus ohne Sgraffiti – unvorstellbar. Seit Jahrhunderten werden unsere Häuser damit geschmückt. Sprüche, Bilder, Verzierungen – mit und ohne tiefere Bedeutung. Heute beherrscht dieses Handwerk kaum noch jemand. Einer, der dies noch kann, ist der Samedner Lorenzo Buzzetti.

Schon als Bub war das Thema Sgraffito präsent im Leben von Lorenzo Buzzetti. Am Mittagstisch wurde oft darüber gesprochen, mit dem Vater und dem Grossvater, beide selbstständige Maler und Dekorateure. Die Mutter war selbständige Floristin. Blumen haben ihn jedoch nie wirklich interessiert, sagt er, aber das Malen. Kein Wunder also, ist Lorenzo Buzzetti schon als Bub in den Ferien mit seinem Vater zur Arbeit mitgegangen. Um zu beobachten, aber auch um zu helfen. Wann er sein erstes Sgraffito in eine Wand gekratzt hat, daran kann er sich nicht mehr erinnern, das sei aber wohl in der Primarschulzeit am Eltern- oder Ferienhaus gewesen. Bis heute ist er fasziniert davon.

Learning by doing

Eine Ausbildung zum Sgraffito-Künstler gibt es nicht. Das Handwerk wird von einem zum nächsten weitergegeben. Im Fall von Lorenzo Buzzetti vom Vater zum Sohn. Und wie sein Vater, verdient auch Lorenzo Buzzetti sein Geld heute mit Malerarbeiten, jedoch auch mit Folienbeklebungen. Von Sgraffito-Arbeiten könne man schon lange nicht mehr leben. Heute werde kaum mehr ein Neubau mit Sgraffiti verziert.

«Heute werden gerne Innenräume mit Sgrafitti verschönert.»

Allerdings müsse dafür der Raum stimmen. In einem kleinen Raum und ohne die geeignete Einrichtung gehen die Sgrafitti verloren. In einem St. Moritzer Luxushotel hingegen habe er die Sauna und den Ruheraum mit grossen Rosetten schmücken dürfen. So werden auch die Gäste von weither mit dieser Engadiner Tradition konfrontiert.

Woher kommen die Sgraffiti?

Engadiner Häuser werden seit dem 15. Jahrhundert mit Sgraffiti geschmückt. So schreibt Erna Romeril im Buch «Engadiner Lebensweisheiten: Sgraffito-Inschriften an Engadiner Häusern», dass die ersten Sgrafitto-Künstler diese spezielle Technik zur Fassadenverzierung aus ihren Aufenthalten in Italien mit nach Hause nahmen und sie der Engadiner Kultur anpassten. Die Verzierungen waren darum wohl häufig üppig, die Hausinschriften und Symbole jedoch mehrheitlich religiöser Natur, drückten Wünsche aus für ein glückliches und gesundes Leben oder für fruchtbare Ernten. Es wurden jedoch auch menschliche Schwächen angedeutet, der Hang zu Gier und Macht und die Angst vor der eigenen Sterblichkeit.

Wohl wollten die damaligen Hausbesitzer aus einem persönlichen Bedürfnis heraus der Nachwelt und den Vorbeigehenden mitteilen, was sie dachten und wozu sie sich bekannten. Zu diesem Schluss kommt auf jeden Fall Max Kettnaker in seinem Buch «Hausinschriften – Darstellung und Interpretation einer Alltagskultur im Engadin, im Münstertal und im oberen Albulatal». Oftmals wurden jedoch auch Familienwappen abgebildet, Sprichwörter, Lebensweisheiten oder Daten sowie Geschichte des Hauses oder dessen Bewohner. Im Laufe der Zeit hat sich dies gewandelt und Verzierungen und Inschriften haben heute oft nur noch einen dekorativen Zweck.

Klar ist jedoch auch, dass Sgraffiti im Laufe der Zeit mal populärer, mal weniger populär waren. So wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts viele Inschriften erstellt. Danach wurden es weniger, bis sie im 19. Jahrhundert einen absoluten Tiefpunkt erreichten: Laut Max Kettnaker könne diese Zeit als «die Epoche der Inschriften-Geringschätzung» bezeichnet werden. Nicht nur wegen dem Wiederaufbau von Dörfern nach Dorfbränden sondern auch weil eine wohl nie mehr feststellbare Vielzahl von Inschriften bei Fassadenrenovierungen als «wertlos und alter Zopf» überputzt oder übertüncht wurden. Ab etwa 1950 erlebten Sgraffiti dann so etwas wie eine Renaissance, verbunden mit einer Rückbesinnung auf alte Werte nach den beiden Weltkriegen. So seien damals «die mit einer Fassadenrenovierung beauftragten Handwerker vom Hausherrn in eine Art Alarmzustand versetzt worden, der sie verpflichtet, beim Auffinden der geringsten Spur einer alten Inschrift unverzüglich die zur Rettung und Wiederherstellung notwendigen Massnahmen einzuleiten.» Damit einher ging, dass nicht nur viele Häuser saniert wurden, sondern auch viele Neubauten entstanden. So wuchs auch die Möglichkeit, neue Inschriften und Verzierungen zu schaffen. In dieser Zeit nahm auch die Vielseitigkeit der Aussagen und Themen der Inschriften zu.

Inhalt und Künstler

Doch wer entscheidet, wie eine Fassade geschmückt und welche Inschrift zu lesen sein soll? Laut Sgraffito-Künstler Lorenzo Buzzetti ist das ganz unterschiedlich. In einigen Fällen haben die Hausbesitzer klare Vorstellungen, in anderen Fällen gilt die künstlerische Freiheit des Künstlers. In solchen Fällen werden auch gerne Hinweise auf Charakter oder Lebenswandel des Hausherrn versteckt, erzählt Lorenzo Buzzetti mit einem Augenzwinkern. Mit oder ohne dem Wissen desjenigen.

Sgraffiti werden gekratzt

Ein klassisches Sgraffito wird in die Fassade gekratzt. Zunächst wird die Mauer verputzt. Wenn der Putz angezogen ist, kommt eine Kalkschlämme darauf und da werden die Sgraffiti hineingekrazt. Ein Sgraffito zu kratzen sei darum auch immer eine Zeitfrage, sagt Lorenzo Buzzetti. Arbeiten könne man nur, solange der Putz feucht ist. Und mitten im Bild Feierabend zu machen, sei auch keine gute Idee, da dies im fertigen Werk sichtbar wäre.

Zum Sgraffito-Künstler werden

Da es keine Ausbildung zum Sgraffito-Künstler gibt, gibt Lorenzo Buzzetti sein Wissen in Workshops weiter. Da können Schulklassen oder auch Erwachsene lernen, wie man Sgraffiti kratzt. Lorenzo Buzzetti sagt dabei jedoch, es gehe ihm nicht darum, die Kultur weiterzugeben oder Geschichte zu vermitteln. Die Teilnehmenden dürften bei ihm einfach mal ausprobieren, «manschen» und «dreckeln».